HUNGERnach

Wenn der Körper spricht, weil Worte fehlen.

Viele hungern nicht nur nach Essen.

 

Sie hungern nach

  • Resonanz.
  • Sicherheit.
  • Gesehenwerden.

Essstörungen beginnen selten beim Essen.

Sie beginnen dort, wo ein Mensch den Kontakt zu seinem Körper verliert.

 

Dieses Projekt sammelt Stimmen.

Briefe.
Geschichten.

und Musik, die daraus entsteht.

 

Nicht um zu erklären.

Sondern um hörbar zu machen,
was sonst verborgen bleibt.


Die Stimmen

 

In therapeutischen Einrichtungen begegnen wir jungen Menschen, die:

  • extrem leistungsorientiert sind
  • perfekt funktionieren
  • und gleichzeitig den Kontakt zu ihrem Körper verloren haben.

Viele wissen nicht mehr:

wie sich Hunger anfühlt
oder Sättigung.

 

Der Körper wird zum Ort der Kontrolle.

Hinter dem Hungern stehen oft Geschichten von:

  • Perfektionismus
  • Scham
  • unterbrochener Hinbewegung

und einer tiefen Sehnsucht nach Beziehung.

 

 

Diese Stimmen wollen wir sichtbar machen.

Stimme 01

Das Essen und ich.

Was wenn dünn sein über alles geht,

doch mit dem nächsten Gedanken ist es schon zu spät.

Während du noch isst, hast du schon die Reue,

doch aufhören wäre die größte Greue.

Du isst und isst und denkst an den Sport,

hätte ich's nicht gegessen, wäre doch nur kein Zucker vor Ort.

 

Dann isst du Tage lang Protein, oft mehr als gesund.

Selbst der Dotter ist zu viel und findet keinen Weg in den Mund.

Du hältst Diet und fühlst wie du leidest,

doch was wenn dick sein nicht mehr so weit ist.

Die Kontrolle zu haben, das ist schwer -

doch lass mich dir sagen, sie zu verlieren viel mehr.

 

Ich möchte nicht dick sein und schäme mich dafür,

keiner sagt was - außer mein Kopf zu mir.

Du bist dick und kannst dich nicht beherschen,

los lass uns die Vorwürfe über Board werfen.

 

Iss das Fett, den Zucker - Ach was. Iss alles auf.

Vertrau mir das ist was du jetzt brauchst.

 

Die Gedanken sie kreisen den Ganzen Tag,

doch was wenn die Proteine dich nicht erfüllen?

Willst du dein Leben lang im Gym brüllen?

 

Keiner sieht es doch ich weiß genau,

da ist zu viel Fett unter der Haut.

Es los zu werden schaff ich nicht,

auch wenn mein Herz darauf erpicht.

 

Wie gern wäre ich dünn, wurde mir ja vorgelegt.

Dünn sein das Ziel das über allem steht.

Stimme 01 - Resonanz

Dein Gedicht fühlt sich an wie ein Raum, in dem zwei Stimmen gleichzeitig sprechen.
Eine, die zählt und kontrolliert, und eine andere, die müde ist vom Kämpfen.
Man spürt darin, wie nah Essen und Schuld beieinander liegen können, fast im selben Atemzug.
Während der Körper noch isst, hat der Kopf schon begonnen, sich anzuklagen.

Zwischen deinen Zeilen liegt viel Anstrengung.
Der Versuch, alles richtig zu machen, und gleichzeitig die Angst, es doch nie richtig zu machen.
Es klingt, als würde dein Körper ständig beobachtet werden, als stünde er unter einem strengen Blick, der nie ganz zufrieden ist.

 

Und doch schreibt jemand dieses Gedicht.


Jemand, der hinschaut, der Worte findet für das, was sich innen abspielt.
Das braucht Mut.

Dein Körper ist in all dem nicht dein Gegner.
Er trägt diesen ganzen inneren Lärm Tag für Tag mit, ohne sich selbst verteidigen zu können.

Vielleicht darf für einen Moment nur diese Frage im Raum stehen:
Wenn dein Körper einmal ohne Bewertung sprechen könnte, was würde er dir erzählen?


Stimme 02

Ich erzähle dir meine Geschichte: Mein Gewicht, mein Desaster

Mit ca. fünf Jahren begann es. Ich habe plötzlich mehr gegessen, nach einem kurzen Urlaub bei meiner Tante. Sie war Köchin in einem Ferienlager, und ich durfte dorthin mitfahren. Daran habe ich nur wenige Erinnerungen, obwohl ich mich sonst gut an meine frühe Kindheit erinnern kann.

Meine Eltern waren begeistert. Ich begann, mehr Appetit zu entwickeln und aß mehr. Das sahen sie, trotz meiner behinderten Schwester, mit Freude. Da wurde ich gesehen und gelobt. Ich bekam Anerkennung. Auch Verwandte sagten, wie gut ich doch aussehe.

Dann kam ich in die Schule. Dort war ich die Fette, die Kleine, die „Gleichenfeier“, gleich hoch wie breit. Ich wurde zur Außenseiterin. Auch in der Schule war ich nicht gut, sehr zum Leidwesen meiner Eltern. Sport war Fehlanzeige. Ich erinnere mich an das spöttische Lächeln meiner Schulkolleginnen, wenn ich etwas nicht schaffte.

Dann ging es los. Ich weiß heute nicht mehr genau, wie ich es geschafft habe abzunehmen, aber es geschah unter der Aufsicht meiner Mama. In der Berufsschule war es so weit: Ich hatte mein Traumgewicht von 47 Kilo erreicht.

Meine Mama war sehr konsequent, wenn es darum ging, Vorsätze durchzuziehen. Das habe ich übernommen. Ich wurde Veganerin und konnte bis vor ein paar Wochen nicht anders. Ich habe extrem gehungert, sogar noch mit knapp 70 Jahren.

Keinen Bauch zu haben war das erklärte Ziel. Bis ich plötzlich nie wieder satt wurde. Ich hatte einen vollen Bauch und trotzdem Hunger. Ein lange nicht gekanntes Gefühl. Dann ist der Schalter gefallen. Ich durfte mich wieder einmal entscheiden: für mein Leben oder für meinen Wahn.

Ich habe mich für mein Leben entschieden.

Ich sah eine Frau, die in ihrem Dünnsein ausgemergelt aussah. So wollte ich nicht werden. Heute esse ich zumindest Eier und wage mich zaghaft an vegetarisches Essen heran.

All die Jahre hatte ich nie verstanden, was da bei mir lief. Erst aus der Rückschau weiß ich: Ich hatte Essstörungen.

 

Ich hoffe, mein Körper verzeiht mir.


Stimme 02 - Resonanz

Liebe Unbekannte,

deine Geschichte trägt viele Jahre in sich.
Man spürt, wie früh dein Körper begonnen hat, eine Rolle zu spielen in dem, wie du gesehen wurdest.
Am Anfang brachte Essen Anerkennung und Freude in die Familie.
Später wurde derselbe Körper zum Ort von Spott und Einsamkeit.

Zwischen diesen beiden Blicken scheint dein Körper lange gestanden zu haben.
Einmal der Stolz der Eltern, einmal die Zielscheibe der anderen.
Und irgendwo darin ein Kind, das einfach dazugehören wollte.

Du beschreibst eine große Konsequenz in dir.
Eine Kraft, die Vorsätze wirklich durchzieht, auch wenn sie hart gegen dich selbst werden.
Diese Kraft hat dich viele Jahre begleitet.

Und doch berührt besonders der Moment, in dem du sagst, dass du dich wieder entscheiden durftest.
Für dein Leben oder für den Wahn.
Dass du dich in diesem Alter noch einmal für das Leben entschieden hast, hat etwas sehr Würdevolles.

Vielleicht muss dein Körper dir gar nichts verzeihen.
Vielleicht hat er all die Jahre einfach getragen, was du versucht hast zu bewältigen.

Wenn dein Körper heute sprechen könnte, nachdem er so lange durchgehalten hat, was glaubst du würde er dir danken wollen?


Stimme 03

Kindheit

Ich war klein, zart, immer die Jüngste, immer die Kleinste, immer irgendwie noch ein Kind. Als andere in die Pubertät kamen, blieb ich Kind. Das Thema Attraktivität kam bei mir später, mit etwa 17 Jahren.

Dann hörte ich: Du bist schön, schlank. Mein Papa legte großen Wert auf hübsch, schön und schlank. Alle in der Familie entsprachen diesem Ideal.

Meine Essstörung begann im Studium, mit 19 Jahren. Ich war schön, schlank und attraktiv. Gleichzeitig aß ich abends unkontrolliert große Mengen Schokolade, oft als Belohnung. Ich hatte das Gefühl, mich nicht kontrollieren zu können, aber ich hatte einen Ausweg gefunden: Finger in den Hals stecken. Die Süßigkeiten wieder erbrechen.

Ich schämte mich sehr und erzählte niemandem davon.

Der Kreislauf ließ sich nicht mehr brechen. Süßes essen, sich belohnen, erbrechen, kontrollieren, wiedergutmachen, was soeben außer Kontrolle geraten war. Dann wieder Süßes, wieder Erbrechen. Das Ideal der perfekten Figur musste erhalten bleiben.

Schlechtes Gewissen. Scham. Keine Selbstkontrolle. Süßes. Erbrechen. Kontrolle. Fehler durch Selbstkontrolle korrigieren.

So ging es über Jahre im Studium.

Mit wachsender Selbstliebe und mehr Selbstwert hörte es langsam auf. Nicht sofort und nicht für immer. Aber es wurde weniger. Die Einsicht, dass diese Essthematik vielleicht immer eine Möglichkeit in mir bleiben würde, hat mir geholfen. Vorher dachte ich, ich müsste vollständig geheilt werden. Dieser Druck war zu groß, und genau dadurch kippte ich immer wieder zurück.

 

Erst mit der Akzeptanz, dass dieses Muster nicht verschwinden muss, sondern als alte Option da sein darf, wurde es leichter. Es verlor an Macht. Und irgendwann war es weg.

Stimme 03 - Resonanz

Liebe Unbekannte,

deine Worte tragen die Erinnerung an ein Mädchen, das lange klein geblieben ist zwischen den Blicken der anderen.
Ein Mädchen, das irgendwann gelernt hat, dass Schönheit und Schlanksein eine besondere Bedeutung haben.
Man spürt, wie stark dieser Blick von außen werden kann, bis er sich tief im Inneren einnistet.

In deiner Geschichte begegnen sich zwei Bewegungen.
Die eine sucht Belohnung, Wärme, vielleicht auch Trost.
Die andere versucht sofort wieder Ordnung herzustellen, als dürfe nichts außer Kontrolle geraten.
Zwischen diesen beiden Polen scheint dein Körper viele Jahre gestanden zu haben.

Besonders berührt der Moment, in dem du beschreibst, dass sich etwas verändert hat, als Selbstwert und Selbstliebe gewachsen sind.
Nicht durch Kampf, sondern durch ein anderes Verhältnis zu dir selbst.
Und auch durch die Erkenntnis, dass manche Themen im Leben nicht einfach verschwinden müssen, um ihren Schrecken zu verlieren.

Es klingt, als hätte diese Einsicht etwas gelöst.
Nicht weil alles perfekt wurde, sondern weil der Druck weicher geworden ist.

Dein Körper hat all diese Jahre mit dir getragen.
Den Hunger, die Scham, die Versuche, wieder Kontrolle herzustellen.
Und vielleicht auch den stillen Wunsch, dass irgendwann mehr Freundlichkeit in diese Beziehung kommt.

 

Wenn du heute auf die junge Frau von damals schaust, die so sehr versucht hat, alles richtig zu machen – was würdest du ihr heute gerne sagen?


Die Briefe

Im Zentrum des Projekts stehen Briefe von Betroffenen.

  • Anonym.
  • Ehrlich.
  • Ungefiltert.

Sie erzählen von

  • Kontrolle
  • Scham
  • Sehnsucht

und dem Versuch, mit dem eigenen Körper zu überleben.

 

Zu manchen Briefen entsteht mehr als nur ein Text.

 

Sie werden auf drei Arten beantwortet:

  • Seelenklang

Musikstücke, die die inneren Stimmen hörbar machen.

  • Resonanztexte

Antworten aus dem Forschungsraum, die versuchen zu verstehen, was hinter dem Hungern steht.

  • Selbstführungsraum

Ein digitaler Reflexionsraum, in dem Gedanken und Fragen weitergeführt werden können.

 

 

Nicht als Therapie.
Sondern als Einladung, sich selbst besser zu verstehen.


Das Projekt

HUNGERNACH ist ein künstlerisch-therapeutisches Forschungsprojekt.

 

Es verbindet Stimmen von Betroffenen mit Text, Musik und therapeutischer Erfahrung.

 

Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit therapeutischen Einrichtungen und Betroffenen.

 

 

Die Antworten sind kein Ersatz für Therapie oder Beratung, sondern Teil eines künstlerisch-reflexiven Projektraums.

 

Initiiert von
Dr. Gudrun Umbauer
Forschungsraum für Souveränität.

Kooperation

Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit:

  • therapeutischen Einrichtungen
  • Betroffenen
  • Angehörigen
  • Künstler:innen.

Die Finanzierung erfolgt über Stiftungen und Förderpartner.


Mitwirken

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